Vorschau

01.09.2018 - 31.12.2018

Kuratorenprogramm

Die Publikation Die letzten ihrer Art. Kunstvereine — Eine Reise zu den Dinosauriern des Kunstbetriebs prognostiziert für das Modell Kunstverein alle zehn Jahre eine Phase der Selbstreflektion. Was kann das Modell (noch) leisten? Wie und mit wem, alles ehrenamtlich oder professionalisiert? Lieber dem Geschmack der Älteren oder Jungen entsprechen? Renommierte oder unbekannte Position ausstellen? Anlässlich des 30jährigen Bestehens starte auch der Kunstverein Wilhelmshöhe in solch eine Phase der Selbstbetrachtung und Bestandsaufnahme: 1985 von der am Hause angesiedelten Ateliergemeinschaft Wilhelmshöhe als „Freundeskreis Wilhelmshöhe“ ins Leben gerufen und im Jahr 2000 offiziell in „Kunstverein Wilhelmshöhe Ettlingen e.V.“ umbenannt, zählt er in seiner gewachsenen Struktur heute ca. 240 Mitglieder. Diese engagieren sich wiederum in einem 15-köpfigen Beirat, der zusammen mit einem derzeit sechsköpfigen Vorstand den Verein ehrenamtlich leitet, Ausstellungen vorschlägt und durchführt — unterstützt durch die halbtags besetzte Stelle der Geschäftsführung. Man fand sich aber auch etwas in die Jahre gekommen, mit stagnierenden Besucher- und Mitgliederzahlen (auch was das junge Publikum angeht), aber hoch motiviert den Verein neu zu denken und so zu erhalten. Denn neue Ideen sind nicht nur gefragt, sondern für die Zukunft existentiell notwendig.

Neben dem drängenden Notwenigkeit, ein neues und verstärkt jüngeres Publikum anzusprechen und im Idealfall sogar als Mitglieder zu gewinnen, bestand der Wunsch, das inhaltliche Konzept eines Ausstellungsjahr klarer zu strukturieren und zu professionalisieren — einen roten Faden zu schaffen, der eine aktuelle, zeitgenössische Auseinandersetzung mit Kunst ebenso fasst wie die eigene gewachsene Ausrichtung des Vereins. Für das Ausstellungsjahr 2018/2019 stellt sich der Verein daher einer strukturellen Änderung und überlässt die Gestaltung des Programms einer eingeladenen Gruppe von Gastkuratoren. Der Wunsch nach neuen Perspektiven, neuen Ideen und Kenntnissen wird begleitet von der Hoffnung, so im ehrenamtlichen Engagement Kapazitäten zu schaffen für eine verstärkte inhaltliche Auseinandersetzung mittels eines umfassenden Rahmenprogrammes mit Vorträgen, Mitglieder-Jourfix und Exkursionen. Denn genau dort findet statt, was einen Verein ausmacht: das Miteinander, der Austausch und Dialog. Für 2018/2019 wurden nun vier Kuratoren eingeladen, namentlich: Christian Ertel, Christian Falkner, Dr. Elena Korowin und Julia Thiemann, um gemeinsam ein Ausstellungsprogramm zu erarbeiten, dem sie zu unserer Freude nachgekommen sind.

x1 + x2

Das entwickelte Ausstellungsprogramm x1 + x2 wird nach der Sommerpause 2018 bis in den Sommer 2019 die Räume des Kunstvereins Wilhelmshöhe bespielen — ausgehend von genau dem, was einen kleinen Kunstverein wie unseren im Vergleich zu großen Institutionen und Galerien stark macht: dem Dialog. Die Dialogsituation wird auf unterschiedlichen Ebenen aufgegriffen und thematisiert. Die Zusammenstellung der Künstler erfolgte in Paaren, eine künstlerische, zum Teil internationale Gast-Position von „weiter her“ trifft auf eine regionale Position. An den Standort Ettlingen werden so neue künstlerische Perspektiven und Entwicklungen geholt und gleichzeitig dem Bedürfnis nachgegangen, das künstlerische Geschehen vor Ort erfahrbar zu machen. Die Nähe zu den Karlsruher Kunsthochschulen und die Unterstützung der jungen regionalen Szene wurde in den letzten Jahren zum besonderen Anliegen des Kunstvereins Wilhelmshöhe. Die seit 2011 laufende Ausstellungsreihe Höhenluft bietet genau diesen Positionen eine Plattform, um erste Schritte in den institutionellen Kunstbetrieb zu machen. Dies führen die Kuratoren in ihrem Programm einen Schritt weiter. Einen Verein neu zu denken, meint so nicht einfach alles anders und neu zu machen, sondern auch durch einen frischen Blick vorhandene Besonderheiten hervorzuheben und zu stärken. Die ausgewählten Paare treten im nächsten Schritt in einen intensiven Austausch zur Erarbeitung einer gemeinsamen Ausstellung. Stärken, Differenzen, Gemeinsamkeiten, Reibungsflächen sollen entdeckt, ausgearbeitet und sichtbar gemacht werden. Das In-Erscheinung-treten des Dialogs der beiden Künstler in Form der Ausstellung erzeugt weitere Dialogsituationen: mit dem Verein, den Räumen und den Besuchern. Der Austausch und das bewusste Nachdenken über das Auswählen, Setzen, Sichtbarmachen von Kunst wie es im Prozess des Kuratierens zusammenwirkt, und wie sich all dies mit den Besonderheiten der institutionellen Struktur eines Kunstvereins verhält, sollen gefördert werden.  Das von den Mitgliedern getragene Rahmenprogramm bietet hierfür verschiedenste Formate und soll im engen Austausch mit den Ausstellungen weitere Möglichkeiten zur inhaltlichen Auseinandersetzung bieten. Begleitend wird eine sich aufbauende Publikationsreihe jede der Ausstellungen dokumentieren und zusammengefasst das Kuratoren-Projekt als solches reflektieren.

08.09.2018 - 14.10.2018

Markus Hoffmann: nuclear sanctuary / Thomas Dawidowski: unsteady flow

Th. Dawidowski, o. T. (Hexagon) 2014 / Markus Hoffmann, Green sediment I, 2017

Mit seiner ersten institutionellen Einzelausstellung in Deutschland hinterfragt Markus Hoffmann (*geboren 1982 in Passau) das ästhetische Potential von radioaktiver Strahlung und ihrer sozio-politischen wie auch persönlichen Implikationen mit seinen recherche-basierten Arbeiten.

Markus Hoffmann fokussiert sich dabei auf die Fähigkeiten und Grenzen des Betrachters, sich mit seiner Umgebung in Bezug zu setzen und entwickelt seine ästhetischen Setzungen oftmals anhand von Randphänomenen der Wahrnehmungsfähigkeit. Hierbei stellt die natürliche sowie von Menschen forcierte Radioaktivität ein besonders faszinierendes, und doch kulturell stark mit Ängsten und Vorurteilen besetztes (Natur-) Phänomen dar, das Markus Hoffmann eindrücklich visualisiert und für unterschiedliche Sinne erlebbar macht. Dabei ist Radioaktivität für Hoffmann zugleich Material seiner künstlerischen Setzungen, reflektierter Inhalt, wie auch Konzept der ästhetischen Formfindungen. Das für menschliche Wahrnehmungsrezeptoren schwer fassbare Element wird in vielschichtigen und hintergründigen Objekten, Installationen, Filmen und Radiographien thematisiert und wahrnehmbar gemacht.

Die Ausstellung „nuclear sanctuary“ bietet einen Überblick über unterschiedliche Werkreihen und Themengebiete Hoffmanns, die sich mit der Transformation von Materialitäten und der Sichtbarmachung ungreifbarer Stofflichkeiten, wie Radioaktivität, beschäftigen. Seine transdisziplinäre Arbeitsweise und sein großes Interesse an Hintergrundwissen und der Geschichte des menschlichen Umgangs mit Radioaktivität fokussieren dabei auf das nicht bewusst wahrnehmbare Potential radioaktiver Strahlung, aber auch der uns umgebenden Welt mit ihren Ressourcen und ihrer Verwundbarkeit. Thematiken wie Vergänglichkeit und Zeitdimensionen – beim Verfall radioaktiver Teilchen eine kaum real fassbare Dimension – prägen eine weitere Ebene seiner  künstlerischen Arbeiten.

Insgesamt weckt Markus Hoffmann bereits in jungen Jahren mit seiner sehr eigenen Ästhetik auf tiefgründigen Ebenen eine weitergehende Reflektion unserer Wahrnehmung und unseres Verhältnisses zu der uns umgebenden Welt auf eine Weise an, die noch eine weitreichende künstlerische Karriere erahnen lässt.

Markus Hoffmann studierte Bildende Kunst an der Universität der Künste Berlin an dem von Prof. Olafur Eliasson gegründeten Institut für Raumexperimente, sowie Medizin an der Charité in Berlin. Seine Arbeiten werden international ausgestellt und wurden bereits durch mehrere Stipendien unterstützt, unter anderem in einer Residency der Stiftung Bauhaus in Dessau. Hoffmann wurde 2015 der Meisterschülerpreis des Präsidenten der Universität der Künste in Berlin verliehen.

Kuratiert  von Julia Katharina Thiemann

Der Ausstellungsteil wird gefördert durch das Land Baden-Württemberg.

Zentrales Thema der Arbeiten von Thomas Dawidowski (*1985 in Mannheim) sind naturwissenschaftliche Phänomene und Beobachtungen, welche in einem ersten Schritt experimentell nachgestellt und auf ihre ästhetischen Strukturen hin untersucht werden. Jeder sich ergebende Folgeschritt wird dokumentiert und festgehalten. In diesem häufig sehr aufwendigen und langwierigen Prozess wandelt sich die Sprache sukzessive zu einer künstlerischen.

In „o.T. (Hexagon)“ etwa simuliert Dawidowski den nordpolaren hexagonalen Sturmwirbel des Saturns mithilfe fluoreszierender Flüssigkeit. Dabei entstehende Bilder werden dann als Videoinstallation oder Fotografien in den Kunstkontext überführt. Es ist der schier unmögliche Versuch, ein eigentlich über undenkbar lange Zeit zu Konstanz gefundenes Formphänomen im Kleinen, „self-made“ nachzuvollziehen, der eine unausweichlich faszinierende Wirkung auf den Betrachter ausübt. So erspürt und entlockt Dawidowski den Dingen eine Poesie, die ihnen zwar innewohnt, jedoch oft verborgen bleibt.

„Luftströmungen in unterschiedlichen Luftschichten bilden Verwirbelungen, kreieren künstlich anmutende geometrische Formen. Fließende Gewässer graben sich in die Landschaft, transportieren ganze Felsen über tausende von Kilometern. Nichts ist statisch, wenn man nur den Zeitrahmen groß genug wählt.“ so der Künstler.

Die Ausstellung im Kunstverein Wilhelmshöhe soll sich auf das Element Wasser konzentrieren. Wie der Titel „unstaedy flow“ schon verrät wird die Strömung und ihre Eigenschaft als unruhige, unregelmäßige Bewegung betrachtet und nach dem übersetzenden Prinzip des Künstlers untersucht und bearbeitet. Die natürlichen und physikalischen Eigenschaften von Wasser offenbaren hier gleichsam ästhetische Strukturen, die den Eingang in den künstlerischen Kontext öffnen und so eine Rezeption über einen, in diesem Zusammenhang eher ungewohnten Zugang ermöglichen. Bildhafte, rhythmische und musikalische Qualitäten schieben sich vor die haptischen. So treffen beispielsweise verschiedene Aggregatzustände in einem gläsernen Becken aufeinander und ergeben in ihrer herbeigeführten Verbindung zufällige ephemere Choreografien, welche sich mithilfe von Lichtbestrahlung, der Brechung des Lichts durch die unterschiedliche Dichte des Stoffes als analoge Filmprojektion dem Betrachter darbieten.

Der Titel der Ausstellung scheint progammatisch, betrachtet man zudem auch die Arbeitsweise Dawidowskis. Der Ursprung ist fix. Auf dem Weg zeichnen sich Schleifen und Kurven. Reibungen, Widerstände sowie Fügungen bestimmen die Form.

Kuratiert  von Christian Falkner

Der Ausstellungsteil wird unterstützt durch die Sparkasse Karlsruhe sowie die Stadtwerke Ettlingen

 

Eröffnung: Freitag, den 7. September, 19 Uhr
Laufzeit der Ausstellung: 08.09. - 14.10.2018
Öffnungszeiten: Mi - Sa 15 - 18, So 11 - 18 Uhr
und nach Vereinbarung
Eintritt frei

27.10.2018 - 02.12.2018

Nina Schuiki / Oleg Kauz

Kuratiert von Julia Katharina Thiemann und Christian Falkner

Eröffnung: Freitag, den 26. Oktober, 19 Uhr

Näheres wird noch bekannt gegeben.